Wer wärst du ohne die Erwartungen anderer?
„Ich bin Mutter von zwei Kindern. Ich leite ein kleines Team. Ich bin die Tochter, auf die sich meine Eltern verlassen. Und ich bin seit zwölf Jahren mit meinem Mann zusammen.“
So begann eine Klientin, als ich sie bat, sich vorzustellen.
Ich hörte zu, ließ sie ausreden, und fragte dann: „Und wer bist du, wenn du das alles einmal weglässt?“
Es wurde still.
„Das ist eine komische Frage“, sagte sie schließlich. „Ich glaube, das hat mich noch nie jemand gefragt.“
Das Rollendilemma
Die meisten von uns tragen nicht nur eine Rolle, sondern viele gleichzeitig: Partnerin oder Partner, Mutter oder Vater, Tochter oder Sohn der eigenen Eltern, Kollegin, vielleicht Führungskraft, Freundin, Nachbarin, Mitglied eines Vereins. Jede dieser Rollen bringt eigene, oft unausgesprochene Erwartungen mit. Wie man als gute Mutter zu sein hat, was eine verlässliche Kollegin ausmacht, was man der eigenen Familie schuldig ist.
Wir wechseln zwischen diesen Rollen oft mehrmals am Tag, so selbstverständlich, dass wir kaum noch merken, wie viel stille Anpassung darin steckt. Am Frühstückstisch die geduldige Mutter. Im Meeting die kompetente Kollegin. Am Telefon mit den Eltern die verständnisvolle Tochter. Abends die aufmerksame Partnerin.
Jede Rolle für sich ist sinnvoll und trägt zu einem erfüllten Leben bei. Das Dilemma entsteht dort, wo wir irgendwann nur noch die Summe dieser Rollen sind – und die Frage, wer darunter eigentlich wohnt, unbeantwortet bleibt.
Woher die Erwartungen kommen: Prägung, Erziehung, Gesellschaft
Viele dieser Erwartungen haben wir nicht bewusst gewählt. Sie wurden uns früh mitgegeben – durch Erziehung, durch das, was in unserer Familie als richtig oder falsch galt, durch das, was gelobt oder missbilligt wurde. „Sei brav.“ „Sei erfolgreich.“ „Mach deinen Eltern keine Sorgen.“ „Ein Junge weint nicht.“ „Ein Mädchen ist immer freundlich.“ Solche Sätze prägen sich nicht als Erinnerung ein, sondern als Maßstab, an dem wir uns bis heute messen, oft ohne es zu bemerken.
Hinzu kommt, was die Gesellschaft insgesamt an Bildern bereithält: Wie eine gute Mutter auszusehen hat. Was eine erfolgreiche Karriere ausmacht. Wie ein gelungenes Leben in bestimmten Alter aussehen sollte. Diese Rollenbilder wirken selten als expliziter Druck. Sie wirken eher wie eine Umgebungstemperatur – etwas, das einfach da ist, an das wir uns angepasst haben, lange bevor wir uns gefragt haben, ob es überhaupt zu uns passt.
Beziehung und Kinder als Verstärker
Beziehungen und Familie verstärken dieses Muster oft zusätzlich. Nicht, weil ein Partner oder ein Kind das bewusst verlangen würde, sondern weil mit jeder neuen Rolle ein neues Set an Erwartungen dazukommt. Als Partnerin soll man verständnisvoll sein. Als Mutter soll man alles richtig machen. Gegenüber den eigenen Eltern soll man dankbar bleiben, gegenüber den Schwiegereltern nichts falsch machen.
Wo früher eine Rolle im Vordergrund stand, stehen mit Partnerschaft und Kindern oft mehrere gleichzeitig – und mit ihnen die stille Sorge, keiner davon wirklich gerecht zu werden. Genau hier beginnen viele Menschen, sich selbst aus dem Blick zu verlieren: nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil kaum noch Raum bleibt, überhaupt zu fragen, was man abseits all dieser Rollen eigentlich bräuchte.
Wo bin ich darunter?
Es geht bei dieser Frage nicht darum, die eigenen Rollen loszuwerden. Mutter zu sein, Partnerin zu sein, Kollegin zu sein – das alles darf bleiben und ist wertvoll. Es geht darum, ob unter all diesen Rollen noch jemand zu finden ist, der unabhängig von ihnen existiert. Jemand, dessen Wert nicht davon abhängt, wie gut die jeweilige Rolle gerade ausgefüllt wird.
Viele Menschen erschrecken ein wenig, wenn sie merken, wie schwer ihnen diese Frage fällt. Das ist kein Zeichen von Leere. Es ist ein Zeichen dafür, wie lange der Fokus konsequent nach außen gerichtet war – auf das, was gebraucht wurde, erwartet wurde, richtig gemacht werden musste.
Wie wir im Coaching daran arbeiten
Im Coaching nähern wir uns dieser Frage selten direkt, sondern über die einzelnen Rollen selbst. Mit systemischen Fragen schauen wir uns jede Rolle einzeln an: Welche Erwartung ist damit verbunden – und stammt sie wirklich von dir, oder hast du sie irgendwann übernommen, ohne sie zu hinterfragen?
Mit Methoden aus dem NLP arbeiten wir mit den unterschiedlichen inneren Anteilen, die diese Rollen tragen – der Mutter-Anteil, der berufliche Anteil, der Tochter-Anteil – und suchen zusätzlich nach dem Anteil, der all das im Hintergrund zusammenhält. Nach Schulz von Thun lässt sich das gut als inneres Team beschreiben: Viele Stimmen, die alle etwas zu einer Situation zu sagen haben. Die Arbeit besteht nicht darin, eine Stimme zum Schweigen zu bringen, sondern eine weitere hinzuzufügen – die, die einfach nur du selbst ist, unabhängig von der jeweiligen Rolle.
Ganz praktisch beginnt das oft mit kleinen Momenten der Entrollung: bewusst eine Viertelstunde am Tag, in der keine der Rollen aktiv bedient wird – kein Funktionieren, kein Erwartungen-Erfüllen. Nur beobachten, was sich dann zeigt.
Der Mensch unter den Rollen
Vielleicht ist die ehrlichste Antwort auf die Frage „Wer wärst du ohne die Erwartungen anderer?“ zunächst: Ich weiß es noch nicht genau. Und das ist in Ordnung. Die Antwort muss nicht sofort feststehen. Es reicht, die Frage überhaupt wieder zuzulassen – und ihr mit der Zeit zuzuhören.
Wenn dich diese Frage anspricht: Im Themenraum Innere Klarheit begleite ich dich dabei, den Kontakt zu dem wiederherzustellen, was jenseits deiner Rollen zählt. Geht es bei dir besonders um die berufliche Rolle und den eigenen Anspruch darin, lohnt auch ein Blick in den Themenraum Frauen im Business. Und wenn die Mutterrolle bei dir besonders viel Gewicht hat, findest du dazu mehr im Artikel Wenn im Kopf nie Feierabend ist.

Schreibe einen Kommentar