Ich funktioniere nur noch – woran du erkennst, dass du über deine Grenzen gehst
„Eigentlich geht es mir gut.“
Diesen Satz sagte eine Klientin gleich zu Beginn unseres Gesprächs.
Sie hatte Arbeit. Freunde. Eine Familie. Es gab keinen akuten Anlass, keine Krise, keinen Zusammenbruch.
Und trotzdem war sie da.
Im Laufe des Gesprächs erzählte sie von ihren Tagen. Von den Dingen, die erledigt werden mussten. Von den Menschen, die etwas von ihr wollten. Von den Terminen, die anstanden. Von den Aufgaben, die sie übernommen hatte.
Irgendwann fragte ich sie, worauf sie sich in der letzten Zeit gefreut hatte.
Es wurde still. Nicht lange. Aber lang genug.
„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, sagte sie schließlich.
Genau dieser Moment blieb mir im Gedächtnis.
Wenn Erschöpfung leise ist
Viele Menschen stellen sich vor, dass Überforderung laut ist. Dass sie sich deutlich bemerkbar macht. Dass man irgendwann zusammenbricht, krank wird oder morgens nicht mehr aufstehen kann.
Manchmal ist das so. Oft beginnt es viel leiser.
Wir stehen auf. Erledigen unsere Aufgaben. Gehen zur Arbeit. Kümmern uns um andere. Beantworten Nachrichten. Organisieren den Alltag. Machen weiter. Und weiter. Und weiter.
Von außen sieht das oft ganz normal aus. Man funktioniert. Genau darin liegt manchmal das Problem.
Wenn Menschen zu mir kommen und sagen: „Ich funktioniere nur noch“ – dann meinen sie selten, dass sie gar nichts mehr schaffen. Meistens schaffen sie erstaunlich viel. Sie sind zuverlässig. Verantwortungsbewusst. Belastbar. Oft sogar die Menschen, auf die sich alle anderen verlassen.
Doch irgendwo auf dem Weg ist etwas verloren gegangen. Nicht die Leistungsfähigkeit. Sondern die Verbindung zu sich selbst.
Ein Erschöpfungszustand, der lange keinen Namen hatte
Für genau diesen leisen, funktionierenden Erschöpfungszustand haben Psycholog:innen inzwischen einen eigenen Begriff geprägt: Burn-on. Anders als beim klassischen Burnout, das oft in einem sichtbaren Zusammenbruch endet, bleibt beim Burn-on die Handlungsfähigkeit nach außen erhalten – bei Pflichtaufgaben rund um Job und Leistung zeigt sich sogar oft ein regelrechter Aktionismus.
Gleichzeitig geraten die Dinge, die eigentlich Freude oder Erholung bringen würden, immer weiter ins Hintertreffen: der Sport, der Anruf bei der Freundin, das eigene Hobby.
Ich erwähne das nicht, um dir eine Diagnose zu geben. Sondern weil es manchmal schon entlastend ist zu wissen: Das, was du erlebst, hat einen Namen. Du bildest dir das nicht ein.
Manchmal zeigt sich das in kleinen Dingen
Du bist ständig beschäftigt, weißt aber kaum noch, was dir eigentlich Freude macht.
Du erledigst Aufgaben, ohne zu hinterfragen, ob sie wirklich deine sind.
Du sagst automatisch Ja, obwohl ein Teil von dir Nein meint.
Du gönnst dir Pausen – und fühlst dich dabei schuldig.
Du bist erschöpft, redest dir aber ein, dass andere viel mehr leisten.
Du hast das Gefühl, ständig hinterherzulaufen. Und gleichzeitig kannst du kaum sagen, wohin eigentlich.
Andere Maßstäbe für uns selbst
Was mich dabei immer wieder berührt: Viele Menschen sind unglaublich verständnisvoll mit anderen. Sie merken sofort, wenn eine Freundin überlastet ist. Sie sehen, wenn jemand eine Pause braucht. Sie würden niemandem empfehlen, dauerhaft über die eigenen Grenzen zu gehen.
Nur für sich selbst gelten oft andere Regeln. Da wird weitergemacht. Zusammengerissen. Durchgehalten. Schließlich funktioniert es ja noch.
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen:
Grenzen zeigen sich nicht immer erst dann, wenn nichts mehr geht.
Manchmal zeigen sie sich viel früher – in der Gereiztheit, die plötzlich auftaucht.
In der Müdigkeit, die auch nach einem freien Wochenende nicht verschwindet.
In dem Gefühl, ständig etwas leisten zu müssen.
In der Sehnsucht nach Ruhe.
Oder in dem Wunsch, einfach einmal niemandem gerecht werden zu müssen.
Glaubenssätze und innere Antreiber, die uns weitermachen lassen
Ich glaube, viele Menschen haben gelernt, ihre Bedürfnisse sehr früh hinten anzustellen. Nicht aus Schwäche. Sondern weil es sinnvoll erschien. Weil Verantwortung übernommen werden musste. Weil andere wichtiger waren. Weil Anerkennung oft über Leistung kam.
Dahinter stecken häufig innere Antreiber, die uns früher gutgetan haben: Sei stark. Streng dich an. Mach es allen recht. Verbunden mit Glaubenssätzen wie Ich darf niemanden enttäuschen oder Erst wenn alles erledigt ist, darf ich mich ausruhen.
Diese Überzeugungen sind keine Fehler. Sie haben uns einmal geholfen, Anerkennung zu bekommen oder schwierige Situationen zu meistern. Das Problem entsteht, wenn sie zur einzigen Strategie werden – auch dort, wo sie uns längst mehr kosten, als sie uns geben.
Wie wir im Coaching daran arbeiten
Im Coaching schauen wir zunächst gemeinsam darauf, welche dieser leisen Signale bei dir bereits da sind – oft, bevor eine bewusste Entscheidung nötig ist. Konkret bedeutet das:
Mit Methoden aus dem NLP arbeiten wir mit den unterschiedlichen inneren Anteilen, die im Alltag mitreden – dem Anteil, der funktioniert und liefert, genauso wie dem, der längst erschöpft ist. Nach Schulz von Thun lässt sich das als inneres Team verstehen: Stimmen, die gehört werden wollen, statt gegeneinander zu kämpfen.
Systemisch fragen wir danach, in welchem Zusammenhang deine Erschöpfung entstanden ist – welche Rollen, welche Erwartungen, welche Vereinbarungen, oft unausgesprochen, dazu beitragen.
Und wir beziehen die Körperebene mit ein, weil sich Erschöpfung selten zuerst im Kopf zeigt, sondern in Verspannung, Unruhe oder einem Gefühl, das sich schwer benennen lässt.
Auf dieser Grundlage wird sichtbar, welche eigenen Bedürfnisse zurückgestellt wurden, welche Glaubenssätze und Antreiber im Hintergrund mitlaufen – und wo du beginnen kannst, dir selbst wieder mehr Raum zu geben.
Es beginnt selten mit einem großen Umbruch
Über die eigenen Grenzen zu gehen, passiert selten von heute auf morgen. Es ist meist das Ergebnis vieler kleiner Entscheidungen. Viele Male „Ja“, obwohl wir eigentlich „Nein“ meinten. Viele Male weitermachen, obwohl wir müde waren. Viele Male die Bedürfnisse anderer wichtiger nehmen als die eigenen.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, stärker zu werden. Sondern aufmerksamer. Für das, was in uns längst spürbar ist. Für die leisen Signale. Für die Müdigkeit. Für die Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit. Für die eigene Wahrheit.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues. Nicht mit einem großen Umbruch. Sondern mit der Entscheidung, sich selbst wieder zuzuhören.
Wenn dich das anspricht: Im Themenraum Burnout-Prävention begleite ich dich dabei, diese leisen Signale frühzeitig ernst zu nehmen. Fällt es dir zusätzlich schwer, Nein zu sagen, lohnt sich auch ein Blick in den Themenraum Grenzen setzen.


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