Grenzen setzen ohne schlechtes Gewissen
In einem Coaching ging es einmal um das Thema Grenzen.
Meine Klientin beschrieb sich selbst als jemanden, der für andere da ist. Die zuhört. Die unterstützt. Die versucht, niemanden zu enttäuschen.
Und gleichzeitig war da diese Erschöpfung. Dieses Gefühl, immer wieder über die eigenen Bedürfnisse hinwegzugehen.
Im Laufe unseres Gesprächs schauten wir gemeinsam auf verschiedene Situationen in ihrem Leben – auf Beziehungen, Freundschaften, den Umgang mit ihrer Familie. Auf Momente, in denen sie Ja gesagt hatte, obwohl sie eigentlich Nein meinte. Und auf die Angst, die oft dahinterlag: die Angst, jemanden zu verletzen, nicht mehr gemocht zu werden, Beziehungen zu gefährden.
Je länger wir uns damit beschäftigten, desto deutlicher wurde etwas: Bisher hatte sie Grenzen vor allem als Risiko betrachtet – als etwas, das Menschen auf Abstand bringen könnte, das Verbindung gefährdet.
Eine andere Perspektive auf Grenzen
Doch während wir weiterforschten, entstand nach und nach eine andere Perspektive. Eine Frage führte zur nächsten, ein Gedanke zum nächsten – bis irgendwann eine Erkenntnis im Raum stand, die sie selbst überraschte:
Was wäre eigentlich, wenn das Aussprechen von Bedürfnissen Beziehungen nicht schwächt, sondern stärkt? Was wäre, wenn Ehrlichkeit mehr Verbindung schafft als Anpassung? Was wäre, wenn echte Nähe genau dort entsteht, wo Menschen sich zeigen – nicht nur mit dem, was angenehm und unkompliziert ist, sondern auch mit ihren Grenzen?
Der Preis des Verschweigens
Plötzlich ergaben viele Dinge Sinn. Denn wenn wir unsere Bedürfnisse verschweigen, immer wieder Ja sagen, obwohl wir Nein meinen, Konflikte vermeiden und uns anpassen, dann bleibt etwas Wesentliches unsichtbar. Wir zeigen nur einen Teil von uns: den unkomplizierten, den angepassten, den, von dem wir glauben, dass er akzeptiert wird.
Natürlich kann das kurzfristig für Harmonie sorgen. Doch langfristig entsteht oft etwas anderes: Missverständnisse, unausgesprochene Erwartungen, Frust – oder das Gefühl, in einer Beziehung nicht wirklich gesehen zu werden. Nicht, weil die andere Person uns nicht sehen möchte. Sondern weil wir ihr gar nicht zeigen, was in uns vorgeht.
Grenzen sind keine Mauern. Sie sind Informationen.
Was meine Klientin an diesem Tag erkannte, war etwas sehr Einfaches und gleichzeitig sehr Tiefes: Grenzen sind keine Mauern. Sie sind Informationen. Sie zeigen, wer wir sind. Was wir brauchen. Was uns wichtig ist. Wo unsere Kraft endet. Und wo wir uns selbst ernst nehmen.
Was eine Beziehung wirklich trägt
Je mehr wir darüber sprachen, desto klarer wurde ihr: Eine Beziehung wird nicht tragfähig, weil zwei Menschen immer einer Meinung sind. Oder weil sie sich nie enttäuschen. Oder weil sie ständig Rücksicht nehmen. Sondern weil beide sichtbar werden dürfen – mit ihren Bedürfnissen, ihren Gefühlen, ihrem Ja. Und auch mit ihrem Nein.
Warum uns das so schwerfällt: Glaubenssätze und innere Antreiber
Vielleicht fällt uns Grenzen setzen deshalb oft so schwer, weil wir glauben, wir müssten zwischen Nähe und Ehrlichkeit wählen. Zwischen Verbindung und unseren Bedürfnissen. Zwischen Harmonie und uns selbst.
Dahinter steckt häufig ein Glaubenssatz, der lange vor der aktuellen Beziehung entstanden ist: Ich darf niemanden enttäuschen. Ich muss es allen recht machen. Wenn ich Nein sage, verliere ich die Verbindung. Verbunden mit einem inneren Antreiber wie „Mach es allen recht“, der uns früher geholfen hat, Zugehörigkeit oder Anerkennung zu bekommen – und der heute dafür sorgt, dass sich ein Nein wie eine Gefahr anfühlt, obwohl objektiv nichts auf dem Spiel steht.
Doch vielleicht ist genau das ein Irrtum. Vielleicht entsteht die tiefste Form von Verbindung nicht trotz unserer Grenzen. Sondern durch sie. Weil wir erst dann aufhören, eine Rolle zu spielen. Und beginnen, uns wirklich zu zeigen.
Wie wir im Coaching daran arbeiten
Im Coaching schauen wir nicht in erster Linie auf die eine Situation, in der eine Grenze fehlte, sondern auf das Muster dahinter. Mit systemischen Fragen – wie den „Was wäre, wenn …“-Fragen aus dem eingangs beschriebenen Coaching – wird sichtbar, welche Annahme über Beziehungen im Hintergrund mitläuft, oft, ohne dass sie je bewusst hinterfragt wurde.
Mit Methoden aus dem NLP arbeiten wir mit dem inneren Anteil, der Angst vor Ablehnung hat, genauso wie mit dem Anteil, der eigentlich weiß, was er braucht. Nach Schulz von Thun lässt sich das als inneres Team verstehen: Auch die ängstliche Stimme darf mit am Tisch sitzen – sie muss aber nicht länger allein entscheiden.
Ganz praktisch hilft es vielen Klient:innen, eine Grenze zunächst in einer kleinen, risikoarmen Situation auszuprobieren, statt gleich mit der schwierigsten Beziehung zu beginnen. So entsteht Schritt für Schritt die Erfahrung: Eine Grenze kostet selten die Beziehung. Häufiger verändert sie sie – zum Ehrlicheren hin.
Wenn du dich in dieser Geschichte wiedererkennst: Im Themenraum Grenzen setzen begleite ich dich dabei, genau das zu üben – Schritt für Schritt, in deinem eigenen Tempo.


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